Andreas Klare
Leadership · 21. August 2026 · 4 Minuten

Leitplanken statt Regeln

Der durchschnittliche Verkäufer folgt dem Prozess. Der gute liest die Situation. Warum Entscheidungsfreiheit im Vertrieb keine Belohnung ist, sondern eine Voraussetzung.

Es gibt einen Moment, an dem sich für mich entscheidet, ob eine Vertriebsorganisation funktioniert. Er ist unspektakulär und passiert meistens am Telefon.

Ein Verkäufer sitzt beim Kunden, die Lage dreht sich, und er müsste jetzt etwas entscheiden. Einen Nachlass. Eine Laufzeit. Ob ein Berater vom Hersteller dazukommt oder jemand aus dem eigenen Haus. Und dann sagt er: Ich muss das intern klären, ich melde mich.

Manchmal ist das richtig. Meistens ist es der Anfang vom Verlieren.

Warum das teuer ist

Nicht wegen des Nachlasses. Wegen des Signals.

Der Kunde sitzt in einer Runde mit sechs bis zehn Beteiligten, von denen die meisten dich nie gesehen haben. Er braucht jemanden, der ihm hilft, das intern durchzubekommen. Und er merkt in genau diesem Moment, dass sein Ansprechpartner nicht der ist, der entscheidet.

Ab da redet er nicht mehr mit dir. Er redet durch dich hindurch mit jemandem, den er nicht kennt.

Wer erst drei Ebenen nach oben eskalieren muss, kommt zu spät. Nicht weil oben die falschen Leute sitzen, sondern weil in der Zwischenzeit das Gespräch abgekühlt ist und der Mitbewerber geantwortet hat.

Was die Forschung dazu sagt

Ich bin bei meiner Masterarbeit über einen Begriff gestolpert, der genau das beschreibt. Gartner nennt es Tactical Flexibility und führt es als eines der Merkmale, an denen sich leistungsstarke von durchschnittlichen Verkäufern unterscheiden.

Der Kern ist unspektakulär: Durchschnittliche Verkäufer orientieren sich stark an Regeln und Prozessvorgaben. Leistungsstarke deuten situative Signale und wählen aus einem Repertoire an Handlungsoptionen die passende aus.

Das klingt nach einer Aussage über Personen. Ich halte es für eine Aussage über Organisationen.

Denn niemand deutet Signale, wenn er ohnehin nicht handeln darf. Wer keine Entscheidungsfreiheit hat, lernt sehr schnell, gar nicht erst hinzuschauen. Das ist kein Charakterfehler, das ist eine völlig vernünftige Anpassung an die Umgebung.

Der Unterschied, auf den es ankommt

Ich merke, dass an dieser Stelle oft ein Missverständnis entsteht. Entscheidungsfreiheit wird mit Beliebigkeit verwechselt.

Ist sie nicht. Sie braucht einen Rahmen, und der Rahmen muss vorher da sein, nicht hinterher.

Für mich heißt das konkret: Der Key Account Manager ist Projektleiter für seinen Kunden. Er entscheidet, wen er aus dem eigenen Haus oder von Herstellerseite dazuholt. Er hat einen definierten Spielraum bei Preis und Vertragsgestaltung. Und er wird auf diesen Spielraum geschult, bevor er ihn braucht.

Das ist der Punkt, den ich für den wichtigsten halte. Freiheit ohne Schulung ist keine Freiheit, das ist ein Fallstrick. Wer jemandem preisliche Spielräume gibt, ohne ihm vorher beigebracht zu haben, was ein Nachlass mit der Marge macht und wann er sich rechnet, bestraft ihn hinterher für eine Entscheidung, die er nie treffen konnte.

Leitplanken heißt: Ich sage dir, wo die Ränder sind, und dazwischen entscheidest du. Regeln heißt: Ich sage dir, was du tust.

Der Unterschied ist nicht Semantik. Er ist der Unterschied zwischen einem Verkäufer, der denkt, und einem, der abarbeitet.

Was das für die Führungskraft bedeutet

Es bedeutet unangenehmerweise, dass man Entscheidungen aushalten muss, die man selbst anders getroffen hätte.

Ich habe das lernen müssen. Wenn jemand innerhalb der Leitplanken etwas entscheidet, das ich für suboptimal halte, dann ist das seine Entscheidung. Ich kann sie hinterher besprechen. Ich kann fragen, was ihn dazu gebracht hat, und dabei lerne ich in der Regel mehr als er. Was ich nicht kann, ohne die Leitplanken sofort wieder einzureißen, ist sie zurückzunehmen.

Ein Nein ohne Alternative ist keine Führung, das ist Verwaltung. Und auf der Ziellinie brauchen Vertriebler keine Kontrolle, sondern kreative Unterstützung. Wer sie geben soll, muss auch entscheiden dürfen.

Wo die Grenze liegt

Es gibt Entscheidungen, die trifft die Führungskraft allein, und dazu stehe ich. Strategische Weichenstellungen, Personalfragen, alles mit rechtlicher Tragweite. Da ist Beteiligung sinnvoll, Delegation nicht.

Die Kunst besteht darin, diese Liste kurz zu halten und sie auszusprechen. Eine unausgesprochene Grenze wird zur Falle. Eine ausgesprochene ist einfach eine Grenze.

Was ich daraus mitgenommen habe

Wenn ein Verkäufer im Kundentermin sagen muss, dass er es intern klären muss, dann ist das selten sein Problem. Es ist meines.

Und wenn ich merke, dass in einer Organisation viel eskaliert wird, dann schaue ich inzwischen nicht mehr zuerst auf die Leute. Ich schaue auf die Leitplanken. Meistens gibt es keine, sondern nur Regeln, und Regeln kann man nicht dehnen, man kann sie nur brechen oder befolgen.

Wie viel darf bei euch am Kunden entschieden werden, ohne Rückfrage?

Andreas Klare
Andreas Klare

Ich baue Vertriebsorganisationen im B2B-Softwaregeschäft auf und schreibe hier über das, was dabei tatsächlich funktioniert. Widerspruch ausdrücklich willkommen, am besten auf LinkedIn.