Andreas Klare
Sales Transformation · 14. Oktober 2026 · 5 Minuten

Gute Leute verlassen keinen Umbau. Sie verlassen einen schlechten.

Dass in einem Umbau zuerst die Guten gehen, stimmt nur halb. Oft ist es umgekehrt, und der Umbau ist nötig, weil sie schon gegangen sind. Warum die, die geblieben sind, nicht der Rest sind, und wie ein einziges Gespräch in meiner ersten Führungsrolle alles Weitere möglich gemacht hat.

Ein Satz, der nur halb stimmt

In fast jeder Diskussion über Veränderung im Vertrieb fällt irgendwann der Satz, dass in einem Umbau zuerst die Guten gehen. Sie haben Alternativen, sie werden ohnehin regelmäßig angesprochen, und wenn es unruhig wird, nehmen sie den Anruf an.

Ganz falsch ist das nicht. Wird Widerstand unterdrückt statt ernst genommen, endet er oft in innerer oder tatsächlicher Kündigung, und den Schritt nach draußen gehen eher die, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. (Lauer 2019) Und wer nach einem Führungswechsel zu lange keine Perspektive aufzeigt, erlebt, dass die besten Mitarbeitenden als Erste gehen und die neue Führung ihre Legitimation verliert. (Bendig, in Kohne und Bauer 2025)

Beide Befunde beschreiben aber nicht die Veränderung selbst. Sie beschreiben, wie sie geführt wird. Gute Leute verlassen keinen Umbau. Sie verlassen einen schlechten.

Oft ist es umgekehrt

Meine Erfahrung ist eine andere Reihenfolge. Wenn ich eine Vertriebsorganisation übernommen habe, waren oft schon Leute gegangen, die sie lange getragen hatten. Der Umbau war dann nicht der Auslöser für ihren Abgang, sondern die Antwort darauf.

Das verändert die Ausgangslage. Man beginnt nicht mit einem eingespielten Team, das man umbaut, sondern mit einer Lücke und mit den Menschen, die geblieben sind. Mit ihnen steht und fällt alles Weitere.

Die, die geblieben sind, sind nicht der Rest

Es liegt nahe, die Gebliebenen als den Teil zu sehen, der keine Alternative hatte. Das ist falsch, und es ist gefährlich.

Wer geblieben ist, hat oft schon mehrere Anläufe erlebt. Neue Vorgesetzte, neue Pläne, neue Ankündigungen, und am Ende blieb vieles beim Alten. Wenn genau diese Menschen skeptisch sind, hat das selten mit fehlender Leistung zu tun. Es ist Erfahrung. Ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland leidet unter Veränderungsmüdigkeit, vor allem dort, wo Veränderungen in dichter Folge kommen und zwischen ihnen keine Erholung bleibt. (Franke-Jordan, Berger und Heilfort 2025)

Dazu kommt etwas, das bei jedem Führungswechsel passiert. Die erfahrenen Leute wissen, wie die Dinge laufen, wie Entscheidungen zustande kommen und wann man eine Regel im Sinne des Unternehmens auch einmal großzügig auslegt. Ein neuer Chef stellt dieses ungeschriebene Gefüge unter Stress. (Bendig, in Kohne und Bauer 2025) Wer am meisten davon weiß, hat am meisten zu verlieren. Sein Widerstand ist deshalb häufig kein Unwille, sondern eine nachvollziehbare Reaktion.

Wer diese Skepsis als Problem behandelt, verliert genau die Menschen, die er für den Umbau am dringendsten braucht.

Der Kapitän

In meiner ersten Führungsrolle habe ich ein Team übernommen, das vor mir viele Vorgesetztenwechsel erlebt hatte. Der Glaube, dass sich etwas zum Positiven entwickelt, war nicht mehr vorhanden. Jede Änderung wurde als Anweisung der Zentrale wahrgenommen, und die Zentrale war das Feindbild.

Die Schlüsselfigur war ein langjähriger Mitarbeiter. Was er von einer Sache hielt, hielt am Ende das ganze Team davon.

Als ich einen neuen Einteilungsplan vorgestellt habe, also wer wann wo eingesetzt ist, waren die Reaktionen wieder klassisch negativ. Ich habe gesagt, dass wir hier etwas anpassen müssen, dass ich das Team aber gerne mitgestalten lasse.

Zwei Abende später stand er mit einem eigenen Plan vor mir. Er hatte sich mit dem ganzen Team Gedanken gemacht. Am Ende hatten wir einen deutlich besseren Plan als meinen, und alle waren zufrieden.

Als er mir den Plan vorgestellt hat, habe ich ihm gesagt, dass er für das Team ist wie ein Kapitän beim Fußball. Alle Spieler orientieren sich an ihm. Er war der informelle Leader des Teams, ohne Titel und ohne Weisungsbefugnis, und genau deshalb so wirksam. Das war ihm nicht bewusst. Also haben wir lange geredet, darüber, was ich wirklich verändern will, warum, und wie wichtig seine Unterstützung dafür ist.

Mit dem umgesetzten Plan war das Team zufrieden, und er wurde mein stärkster Unterstützer. Dieses Gespräch war der Schlüsselmoment, der alle späteren Veränderungen erst möglich gemacht hat.

Was einen Umbau positiv macht

Im Rückblick waren es drei Dinge.

Erstens der Einfluss. Das Team hat nicht darüber entschieden, ob sich etwas ändert, aber darüber, wie. Auch die Dresdner Untersuchung nennt eine bessere Einbindung der Beschäftigten neben klarer Kommunikation und realistischen Zeitplänen als Gegenmittel gegen Veränderungsmüdigkeit. (Franke-Jordan, Berger und Heilfort 2025)

Zweitens der informelle Leader. Beim Zielbild ging es schon darum, Meinungsbildner einzubinden. Die Szene zeigt, warum das so viel ausmacht. Informelle Macht kann die formelle wirksam stützen, und wo formelle und informelle Führung gegeneinander arbeiten, entstehen Unruhe und Spannungen. (Schirmer und Woydt 2023) Ihren Einfluss bekommen informelle Führungspersonen vom Team selbst, meist weil sie dessen Normen besonders gut verkörpern. (Schreyögg und Koch 2020) Ernennen kann man sie deshalb nicht, man kann sie nur finden. Und oft weiß die Person, an der sich alle orientieren, selbst nicht, welche Rolle sie hat. Es ihr zu sagen und sie ernsthaft um Unterstützung zu bitten, ist kein Trick. Es ist eine Anerkennung, die vorher niemand ausgesprochen hatte.

Drittens das, was danach kommt. Innere Kündigung beginnt oft dort, wo ein unausgesprochenes Versprechen gebrochen wird oder Einsatz und Anerkennung nicht mehr zusammenpassen. (Sass 2019) Wer mitgestalten durfte, muss danach auch erleben, dass sein Plan gilt.

Über allem steht die Führungskraft selbst. In Deutschland suchen 3 Prozent der hoch gebundenen Beschäftigten aktiv nach einem neuen Job, bei Beschäftigten ohne Bindung sind es 39 Prozent, und den größten Einfluss auf diese Bindung hat die direkte Führung. (Gallup 2025) Ob die Guten bleiben, entscheidet sich also weniger an der Veränderung als an der Person, die sie führt.

Was bleibt

Dass in einem Umbau zuerst die Guten gehen, ist kein Naturgesetz. Sie gehen, wenn er schlecht geführt wird. Oft sind sie sogar schon weg, und der Umbau ist die Antwort darauf.

Über den Erfolg entscheiden dann die, die geblieben sind. Ihre Skepsis ist Erfahrung, kein Unwille. Wer sie mitgestalten lässt, den informellen Leader im Team findet und hält, was er zusagt, macht aus den größten Skeptikern die stärksten Unterstützer.

Andreas Klare
Andreas Klare

Ich baue Vertriebsorganisationen im B2B-Softwaregeschäft auf und schreibe hier über das, was dabei tatsächlich funktioniert. Widerspruch ausdrücklich willkommen, am besten auf LinkedIn.